Die Queerdenker*

Alisha und Ida von den Queerdenkern Stuttgart e.V. berichten, wie sie marginalisiert wurden, weil sie nicht ins klassische herterosexuell-monogame Schema passten, wie sie daraus eine politische Bewegung gemacht haben und wie sie durch Kunst ihren Forderungen Schönheit verleihen.

Wörterbuch der queeren Begriffe

asexuell od. aromantisch – Bezeichnung für eine Person, die kein sexuelles Begehren verspürt bzw. kein Bedürfnis, sich zu verlieben.

bisexuell – eine Person weiblichen oder männlichen Geschlechts, die sich zu beiden Geschlechtern hingezogen fühlt.

cis- – lat. diesseits, Gegenteil von trans-; z. B. cis-Frau: Meint eine Person, die auf der Seite ihres angeborenen weiblichen Geschlechts geblieben ist; im Gegensatz zur trans-Frau, die erst durch eine geschlechtliche Überschreitung zur Frau geworden ist (ebenso cis-/trans-Mann). Die Vorsilbe cis- will betonen, dass Geschlecht kein unüberwindbares Schicksal ist und zugleich die Vorsilbe trans- von ihrem diskriminierenden Beiklang befreien.

Heteronormativität – meint die Durchsetzung von Heterosexualität als gesellschaftlicher Norm bzw. die ausschließliche Orientierung von Wirtschaft, Politik und Kultur an den heterosexuellen Mehrheitsverhältnissen. Statistisch sind die meisten Menschen -> heterosexuell. Es gibt aber immer wieder Versuche, diese statistische Normalverteilung biologisch, historisch oder psychologisch zu begründen und damit alle Abweichungen von der statistischen Norm als widernatürlich, asozial oder geisteskrank zu brandmarken. Umgekehrt empfinden viele Heterosexuelle die Angriffe auf die Heteronormativität wiederum als Angriff auf ihre sexuelle Identität.

heterosexuell – von altgr. hetero = anders; Bezeichnung für eine Person, die sich zum jeweils anderen Geschlecht (innerhalb der -> heterosexuellen Matrix) hingezogen fühlt.

heterosexuelle Matrix – Festschreibung menschlicher Sexualität auf die beiden Geschlechter männlich und weiblich. Ignoriert alle Formen von Trans- und Intersexualität.

homosexuell – von altgr. homo = gleich; Bezeichnung für eine Person, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt, also -> lesbische und -> schwule Menschen.

intersexuell – wörtlich zwischengeschlechtlich, auch zwittrig, Substantiv Zwitter oder Hermaphrodit (von gr. Hermes und Aphrodite); beschreibt eine Person, deren Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar ist, weil sie bei Geburt sowohl weibliche wie männliche Genitalien aufweist. Obwohl die Fälle äußerst selten sind, war die (oft operative) Nötigung in die -> heterosexuelle Matrix für die Betroffenen oft mit lebenslangem Leiden verbunden. Seit Ende 2018 ist in Deutschland die standesamtliche Geschlechtsbezeichnung ‚divers‘ zugelassen. Intersexuell kann auch Personen beschreiben, die zwischen -> cis und -> trans changieren.

queer [kwier] – englisch eigentlich schräg und damit das Gegenteil von straight (gerade, richtig). Als straight werden alle Heterosexuellen bezeichnet, immer mit dem Unterton, dass nur Heterosexualität normal und alle anderen sexuellen Orientierungen abnorm, wenn nicht sogar krank sind (-> Heteronormativität). queer war daher zunächst ein diskriminierendes Schimpfwort, bevor es in einem Akt der Selbstermächtigung von den so Ausgegrenzten selbst reklamiert wurde (ähnlich wie die Übernahme des Wortes nigger durch die Black-Power-Bewegung). queer-theory ist ein seit den 1990er Jahren aus den USA verbreiteter Denkansatz, der die Entstehung von -> Heteronormativität kritisch untersucht und sich für die geschlechtliche Gleichberechtigung und Diversität einsetzt.

lesbisch – abgeleitet von der griechischen Insel Lesbos, auf der vor rund 2.600 Jahren die Dichterin Sappho in einer Frauenkommune lebte. Sappho beschrieb in ihren Gedichten auch erotische Beziehungen zwischen Frauen. Die Bewohnerinnen der Insel heißen Lesbierinnen. Das Adjektiv bezeichnet homosexuelle Frauen.

LSBTTQIA+ – Abkürzung für lesbisch, schwul, trans-gender, transsexuell, queer, intersexuell, asexuell. Zu den einzelnen Begriffen s. dort. Die Sequenz verdankt sich einer fortgesetzten Erweiterung der ursprünglich lesbisch-schwulen Szene, in der sich viele andere Nicht-Heterosexuelle nicht wiederfanden. Die penible Ausdifferenzierung geschlechtlicher Identitäten wird in Teilen der Szene selbst kritisch gesehen, weshalb sich viele (wie auch Alisha und Ida im Interview) einfach nur noch als -> queer bezeichnen.

schwul – vermutlich aus dem Adjektiv schwul (heute schwül) = drückend heiß im 19. Jahrhundert als Bezeichnung für homosexuelle Männer gebildet. Dem entspricht die Bezeichnung „warme Brüder“, also Männer, die ihren Geschlechtsgenossen nicht distanziert-kühl (wie in der bürgerlichen Gesellschaft üblich) begegnen. Im englischen Äquivalent gay (von frz. gai = fröhlich) zeigt sich noch mehr, wie Abweichungen von der -> Heteronormativität sprachlich verschleiert werden.

trans-gender – von lat. trans = hinüber oder jenseits; bezeichnet eine Person, die ihr ursprüngliches Geschlecht hinter sich lässt und die Geschlechtergrenze überschreitet (transzendiert). Muss nicht notwendig mit -> Transsexualität einhergehen.

transsexuell – bezeichnet eine Person, die ihr angeborenes Geschlecht durch operative und pharmazeutische Verfahren (Hormone) in ein anderes verwandelt hat, also von Frau zu Mann oder von Mann zu Frau.

Literatur

Audrey Lorde – „black, lesbian, feminist, mother, poet, warrior“ (Selbstbeschreibung). Die Schriften von Lorde gehören in den USA zur „Gründungsliteratur“ der queeren Bewegung, weil Lorde schon früh gegen die Heteronormativität, die in den USA stark mit weißem Rassismus verknüpft ist, Stellung bezog.

Matthew Riemer: We Are Everywhere: Protest, Power, and Pride in the History of Queer Liberation. USA 2019. Beschreibt die Geschichte der queeren Bewegung in den USA.

Paul B. Preciado: Testojunkie. Sex, Drogen, Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie. Berlin 2016. Preciado, Doktor der Philosophie, beschreibt, wie sie sich mit Hilfe einer stark Testosteron-haltigen Salbe von einer Frau in einen Mann verwandelt und bettet diesen Selbstversuch in äußerst kluge philosophische Überlegungen zur Biopolitik ein.

Matthias Gronemeyer: vögeln – eine Philosophie vom Sex. Stuttgart 2016. Der poetisch-philosophisch angelegte Großversuch beantwortet die Frage, wie es zu Patriarchat und Dominanz des Männlichen in Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Politik gekommen ist. Das Buch räumt zugleich mit dem weitverbreiteten Irrtum auf, es gebe eine natürliche Geschlechterordnung.

Für Jugendliche:

Andreas Steinhöfel: Die Mitte der Welt. Ein Roman übers Erwachsenwerden eines homosexuellen Jungen, der in einer Familie schräger Außenseiter lebt.

Weitere Empfehlungen

Der Youtube-Kanal 100% Mensch. Die Netflix-Serie „Pose“ und die Doku „Disclosure“. Musik von Peaches (ihren aktuellen Titel „Pussy Mask“ spielen wir im Interview an).

In Stuttgart insbesondere: NAF – das Duo aus Nana Hülsewig und Fender Schrade hinterfragt in seinen Performances und Interventionen im öffentlichen Raum immer wieder gängige Normvorstellungen.

Adressen

Queerdenker* Stuttgart
Jugendhaus Cafe Ratz
Margaretenstraße 67
70327 Stuttgart

LAG Mädchenpolitik e. V.
Stuttgarter Str. 61
70469 Stuttgart
Tel.: 07 11 / 8067 08-90

Feministisches Frauengesundheitszentrum (FFGZ)
Stuttgart e. V.
Kernerstr.31
70182 Stuttgart

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